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Ihr Name ist Lyn

Stephi11 comments1531 views
Lyn

Eine berührende Begegnung mit einem kleinen Mädchen

Malaysia zählt für mich zu den bestentwickelsten Ländern Südostasiens und die Geschichte, die ich heute teilen möchte, könnte in jedem Land statt gefunden haben. Vielleicht wäre ich in anderen Ländern besser drauf vorbereitet gewesen, vielleicht hätte ich mich auch anders zu verhalten gewusst. Ich möchte die Geschichte von Lyn erzählen. Ihr Name ist von mir frei erfunden, ihr Schicksal jedoch die traurige Realität. Lyn ist 7 Jahre alt, die kleinste von drei Kindern. Wir lernen sie kennen als wir unsere Armbänder verkaufen. Sie ist eine von den Kindern, die am Straßenrand Taschentücher und Flöten verkaufen, ihr Blick ist farblos und ihr Erscheinungsbild lässt nur erahnen welchen Kummer sie in sich trägt. Sie gehört zu der untersten Bevölkerungsschicht, zu jener, die gern von der Gesellschaft verschwiegen wird. Die Kinder, die hier arbeiten tun das oft mehrere Stunden am Tag. Man schickt sie alleine los und holt sie abends wieder ab.

Und plötzlich sehe ich ein Lächeln

Ich habe das Bedürfnis, Lyn einen schönen Tag zu machen und kaufe ihr alle Taschentücher ab. Ich ahne nicht was ich damit anrichte. Ihre Mutter verkauft auf der anderen Straßenseite Früchte und beobachtet uns. Jannik und Lyn beginnen zu spielen, sie laufen ein wenig umher und ich sehe ein Kind wie jedes andere bis zu den Moment als eine laute Stimme mir durch Mark und Bein zieht. Lyn zuckt zusammen und ich kann die Angst in ihren Augen so sehr spüren, dass ich mich wie gelähmt fühle. Ihre Mutter kommt rüber, schreit sie an und auch wenn ich kein Wort verstehe, fühle ich genau worum es geht. Lyn soll arbeiten, es ist ihr nicht gestattet zu spielen. Am Ende geht es nicht darum, dass sie ihr Tagessoll bereits erreicht hat, vielmehr darum noch mehr zu erreichen. Das fröhliche Mädchen von eben wurde grad gegen das traurige mit dem farblosen Blick ausgetauscht.

Wenn eine Mutter zuschlägt

Und dann passiert etwas, was ich nicht vergessen kann. Mit einer schwungvollen Bewegung bekommt sie was an die Ohren. Ich will das kleine Mädchen schützen und erkläre wie toll sie ist und wie stolz sie auf ihre Tochter sein muss aber ich erfahre kein Gehör. Während Jannik sich aufbäumt und Lyn beschützen will, reißt ihre Mutter sie am Arm über die Straße und zieht sie in eine  kleine Seitengasse. Was da passiert, kann ich nur erahnen aber ich sehe das  kleine Mädchen mit ihrem Verkaufskörbchen wieder raus kommen. Ich packe unsere Sachen, nehme all meinen Mut zusammen und suche erneut das Gespräch mit der Mutter. Erkläre ihr, dass Lyn keine Schuld trifft und dass es mir leid tut, dass ich sie abgelenkt habe. Doch bereits während ich diese Worte spreche, spüre ich ganz deutlich ich mache alles nur noch schlimmer. Geknickt und voller Frust beende ich die Unterhaltung. Ich kann meine Tränen nicht zurück halten und fühle mich so schuldig. Und Jannik? Jannik ist so stark dass es mir fast Angst macht. Er nimmt mich in den Arm und ohne dass ich es je selbst angesprochen habe, sagt er wie selbstverständlich : Mama du hast keine Schuld. Vielleicht bin ich zu sensibel für solche Begegnungen aber es raubt mir den Schlaf.

Ich fühle mich wie gelähmt

Heute dann sah ich sie wieder als sie ihren Wagen packte. Lyn hatte scheinbar nicht genug verkauft und so schmiss die Mutter ihr den Korb samt Inhalt an den Kopf und gab ihr eine Minute Zeit, alles wieder einzusammeln. Dass Lyn weinte, schien sie nicht zu stören und als eine Touristin ihr helfen wollte, wusste ich was ihr blühte. Ich stand dort. Konnte nichts tun. Zu groß die Angst, dass das kleine Mädchen unter meiner Handlung leiden müsste.  Wie kann ich sie beschützen, was kann ich tun? Und ich sehe Jannik hinrennen. Er schreit laut „stop, dont do it“. Alle schauen zu uns und Lyn? Lyn bekommt ein weiteres mal direkt ins Gesicht geschlagen. Niemals habe ich gesehen, dass eine Mutter so ihr eigenes Kind geschlagen hat. Aber die Sicherheitsbeamten an der Straße werden auf die Situation aufmerksam und zumindest für den Moment konnte die Situation zugunsten von Lyn gelöst werden.  Auch wenn ich weiß dass die kleine Lyn es später ausbaden muss, ist es für den Moment aus meinen Augen verschwunden. Ich will nicht weg sehen aber ich will sie auch nicht in Gefahr bringen.

Was kann ich tun? Welche Konsequenzen hat mein Handeln?

Ich suche das Gespräch mit anderen Einheimischen mit der Frage, was kann ich tun und welche Auswirkungen wird mein Handeln haben. Einige sagen, ich solle mich raushalten, ich mache es nur noch schlimmer und andere raten mir sie der Polizei zu melden. Aber in allem sind sich die Leute einig, die Konsequenz für Lyn wäre immer schlechter als das, was sie jetzt hat.  Die Kinderheime in Malaysia sind bei den Einheimischen nicht sehr hoch angesehen. In einem so weit entwickelten Land für asiatische Verhältnisse spricht man nicht gern über sowas. Vielmehr werden sie unsichtbar gemacht und in kleine Dörfer verlegt. Da wo niemand fragt. Am liebsten würde ich Lyn einpacken und mit mir nehmen.

Kann ich eine Botschaft hinterlassen?

Ich fühle mich hilflos und habe es mir zur Aufgabe gemacht, eine Botschaft zu hinterlassen. ich möchte verstehen und aufklären. Die Meldung bei der Polizei sollte für mich das letzte Mittel sein, denn am Ende soll Lyn keine unter vielen sein. Sie und ihre Familie sollten vielmehr lernen, einen gewaltfreien Umgang miteinander zu finden. Ich weiß auch, dass das Vorhaben irgendwie wie David gegen Goliath klingt und ich habe keine Ahnung, ob ich etwas bewirken kann aber die Geschichte von Lyn liegt mir am Herzen. Ich erkenne wieder einmal wie glücklich ich mich schätzen darf. Für Lyn bedeuten fünf Minuten Lächeln Freiheit. Ich wünsche ihr soviel mehr.

Wie gehst du mit dem Thema Armut und Kinderarbeit um?

Glaubst du, es ist möglich eine Botschaft zu hinterlassen? Ist es richtig, Kindern Geld zu geben, damit sie am Ende des Tages ihre Rolle erfüllt haben? Sollte man das lieber gar nicht unterstützen? Und wie kann man Kinder in so einer Rolle überhaupt beschützen? Was glaubst du, welche Folgen hat dein Eingreifen? Ich würde mich freuen, einige Meinungen dazu zu hören.

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.

11 Comments

  1. Liebe Stephi,
    Ich war vor zwei Jahren in Indien und habe eine ähnliche Geschichte erlebt. Ein kleiner Junge wurde vor meinen Augen mit einem Gürtel geachlagen. Ich habe es sofort gemeldet und dachte, ich habe richtig gehandelt. Heute würde ich es nicht mehr tun. Nachdem der Junge von der Polizei in Obhut genommen wurde, wollte ich mich einige Tage später nach ihm erkundigen. Ich nahm an, er käme in ein Heim, wo es ihm besser geht. Die Wahrheit ist, man hat ihn gehen lassen und er ist zurück zu seinem Peiniger. Ich habe nicht verstanden wieso er das tut und habe den Kontakt zu einer Kinderhilfsorganisation gesucht. Ich wollte ihn retten. Aber das meine Liebe, geht nur über Vertrauen. Oft ist das Vertrauen in Erwachsene so zerrüttet, dass die Kinder lieber das nehmen, was sie haben und nicht glauben, dass es irgendwer gut mit ihnen meint. Ich glaube, wenn du es schaffst eine Message dazu lassen und vielleicht eine Kontaktmöglichkeit zu dir oder einer Organisation, dann erreichst du damit mehr. Viel Glück dabei

  2. Deine Geschichte ist sehr rührend und es macht einen sehr bedrückt dies zu lesen. Wir haben auf unserer Reise vor 2 Jahren durch Thailand / Kambodscha / Vietnam keinen einzigen Cent an ein Kind gegeben – weder den Bettlern, noch den Verkäufern, auch wenn es manchmal sehr hart war und es uns nicht weh getan hätte (oder vielleicht sogar weniger weh getan hätte). Solange die Kinder Geld mit nach Hause bringen, werden sie von den Eltern gepeinigt welches heran zu schaffen. Wenn keiner den Kindern mehr Geld geben würde, würde es den Kindern vielleicht besser gehen – vielleicht, denn wer weiß ob die Familie dann noch genug zu Essen für alle hätte…

    1. Ja das ist aktuell auch die Frage mit der ich mich beschäftige. Welche Konsequenz hat mein Handeln? Egal in welche Richtung. Kann ich etwas verändern? Und wenn ja ist es positiv oder mache ich es am Ende nur schlimmer?

  3. So eine traurige und herzzereißende Geschichte, die leider bestimmt kein Einzelfall ist 🙁
    Wo wir leben, komme ich auch oft mit elterlicher Gewalt gegenüber Kindern in Berührung. Am Anfang habe ich auch darüber nachgedacht einzelne Familien den Behörden zu melden, aber wie du schon sagst, ist die Gefahr groß, dass es ihnen hinterher noch schlechter geht. Solange körperliche Gewalt gegenüber Kindern nicht von der großen Mehrheit einer Gesellschaft verurteilt wird, stößt man mit diesem Thema leider meist auf Unverständnis und Ablehnung. Mittlerweile tröste ich mich damit, dass wir als Familie vorleben, dass es auch anders geht. Und ich spreche zunehmend (in ruhigen Momenten nicht inmitten einer Eskalation) mit den Erwachsenen über ihr Verständnis der Elternrolle und auch über ihre eigenen Erfahrungen als Kinder. Die allermeisten wurden selbst geschlagen und so reproduziert sich ein Teufelskreis.

    Kindern etwas abkaufen oder Bettlern etwas zu geben tue ich eigentlich nie, aber wenn es möglich ist und sie es wollen, dann gebe ich ihnen etwas zu essen oder etwas anderes, das ihnen Freude macht.

    Danke für diesen ehrlichen Artikel zu so einem schwierigen Thema!

  4. Sehr naiv da reist du etwas rum verkaufst dein armband und hoppla ,manche haben kein doppeltes Netz so wie du wenn’s
    Nicht klappt ab nach Hause und ……

    1. Hallo Eric,
      Ich weiss zwar grad nicht genau in welchem Zusammenhang dein Kommentar mit dem Beitrag steht aber mit Naivität hat das nicht so viel zu tun. Es liegt natürlich immer im Auge des Betrachters aber ich nenne es Vertrauen ins Leben und die Erkenntnis, dass es immer für alles eine Lösung gibt. Am Ende aber entscheidet jeder selber darüber. In manchen Kulturen ist Selbstbestimmtheit ein Fremdwort, das ist sehr schade aber sicher auch noch veränderbar. Am Ende geht es mir darum welche Botschaft ich hinterlasse. Und auch wenn ich das Schicksal nicht ändern kann, ich kann Momente hinterlassen, die etwas an der Sichtweise drehen.

  5. Ist doch einfach bei dir ,wenn’s brennt ab nach Deutschland oder wirst du im Notfall am Ende der Welt deinen sohn verrecken lassen ohne Krankenversicherung wenn er richtig krank wird , so wie zb die kleine lyn in ihrer Heimat da juckt das niemand wenn’s hart auf hart kommt .wenn du das nicht macht’s zieh ich meinen Hut,aber das glaub ich nicht was ihr mach ist Wohlstand Tourismus auf kosten der Allgemeinheit nix anderes.
    Ps ich hab dein Dasein im dez Januar auf payam im Regen erlebt und das war ja nicht so toll für den kleinen.

    1. Hallo Eric,
      falls du uns auf Phayam im Regen live erlebt hast, finde ich es sehr schade, dass wir kein Gespräch gefunden haben. Denn dann könntest du ein wenig mehr über unseren Weg/Dasein erfahren. Ich respektiere deine Meinung. Was eine eventuelle Krankheit meines Sohnes angeht, bin ich selbst bemüht eine Reserve aufrecht zu erhalten. Was die kleine Lynn angeht, ging es mir in der Geschichte primär um den Umgang mit ihr, nämlich dass sie durch Schläge diszipliniert wird. Und natürlich auch darum hinter jeder Begegnung auch mal eine Geschichte zu sehen. Nur weil es in anderen der Teilen der Welt nicht so abgesichert ist wie in Deutschland, heißt es nicht, dass mich diese Geschichte nicht berührt und ich mir meine Gedanken zu dem Thema gemacht habe. Ich weiß sehr wohl, dass die Kinder in viele Teilen der Welt zum Lebensunterhalt beitragen und trotzdem nicht überall geschlagen werden. Manche Menschen reisen in ein Land, sehen die Kinder und machen sich eben keine Gedanken welche Geschichte dahinter steckt. Wenn du es naiv nennst, sich darüber Gedanken zu machen, ist vielleicht die Beschreibung Wohlstands Tourismus auch einmal zu überdenken. Und um auf dein weiteres Kommentar einzugehen, das Leben steckt voller Geschenke, die wir mal geben und mal erhalten. Aber aus beiden Seiten sollte es stets von Herzen kommen und keine Erwartungen verknüpfen. Ich glaube eine Spende von dir kommt in diesem Zusammenhang vielleicht mit der falschen Assoziation.
      Liebe Grüße aus Malaysia

  6. Ach übrigens wenn du wirklich selbbestimmtheit und Verantwortung im Extremfall übernimmst und nicht zur Deutschen Botschaft rennst spende ich 100€ zur Hilfe.

  7. Hallo Eric,

    Aus meiner Sicht hat Stephi im Bezug auf Lyn mit viel Empathie gehandelt. Vielleicht hat ihr engagiertes Verhalten bei der Mutter von Lyn zumindest Nachdenken angeregt.

    Deine aufgeregte und auch herablassende Art kann ich nicht nachvollziehen. Auch wenn du nicht mit Stephis Lebensentwurf übereinstimmst, was ist denn der Grund für dich so emotional zu reagieren?

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