DeutschlandEuropaReisetagebuchWeltreise

Eine Heimreise nach Deutschland

Stephi949 views
zurück in Deutschland

Oh Mann, nun hänge ich schon so lange hinter her mit meinen Beiträgen, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll. Du erinnerst dich vielleicht, wenn du uns auf den Socialmediakanälen folgst, dass wir im letzten Sommer in Deutschland waren. Nach über drei Jahren Dauerreise haben wir den Schritt zurück in unser Heimatland gewagt. Warum wir das getan haben und welche wichtigen Entscheidungen mit diesem Aufenthalt verbunden waren, möchte ich heute einmal mit dir teilen. Aber nun erstmal von Anfang an.

Wie soll es denn nun weiter gehen?

Lange haben Jannik und ich überlegt, wie es wohl nun weiter geht bei uns. Nach über drei Jahren Dauerreise hat sich eine Reisemüdigkeit eingeschlichen und auch finanziell ist es mehr und mehr eine Herausforderung für uns geworden. Unsere letzte große Entfernung ging nach Australien und bereits dort wurde ein Meilenstein gelegt für eine spätere Entscheidung. Mein kleiner Junge, der schon so erwachsen in manchen Dingen ist, hat einen Wunsch geäußert. Er möchte sesshaft werden, er möchte wieder ein Zuhause haben. Schon zu Beginn unserer Reise 2015 war für mich eins immer ganz besonders wichtig, ich möchte, dass wir glücklich sind. Und genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Sind wir glücklich? Der Wunsch nach einem Zuhause ist da. Während Jannik für sich schon längst eine Entscheidung getroffen hat, kämpfe ich noch mit ganz anderen Denkmustern. Ich möchte mir sicher sein. Ich möchte wissen, was ich wirklich will und wo wir sein sollten. Woher kommt diese Unsicherheit und was macht sie eigentlich mit mir?

Wir fliegen nach Deutschland

Der Entschluss steht fest. Wir fliegen nach Deutschland. Lange haben wir drauf gespart und ich bin mir sicher, ich werde genau dort die Antworten finden, die sich wie große Luftlöcher in meinem Kopf aufhalten. Ich weiß, die Antworten sind in mir aber um die Unsicherheit zu besiegen, brauche ich einen Ortswechsel. Ich brauche meine Familie und Freunde und das zurückgelassene Heimatland. Ich muss alles sehen, greifen, fühlen und spüren können und ich möchte, dass Jannik es sieht. Ich möchte, dass er sich eine andere Perspektive anschaut. Wie sonst kann er wissen, welche Ausmaße unsere Entscheidung annehmen kann? Wie sonst kann ich guten Gewissens sagen, wir wissen was wir tun?

Aufregung, Anspannung und ein Haufen Fragen


Die letzten Tage vor unserem Flug sind aufregend und voller Spannung. Solange haben wir unsere Lieben nicht mehr gesehen und solange keine Umarmung von ihnen erhalten. Unser Flieger startet mit etwas Verspätung und die Aufregung wird größer. Nach knappen 20 Stunden landen wir in Hamburg und werden herzlich empfangen. Wir sind ausgepowert und glücklich zugleich. Dieser Moment fühlt sich so richtig an und ich bereue keine Sekunde dieses Schrittes. Auch die nächsten Tage sind aufregend und spannend und voller Wiedersehensfreude. Jannik genießt die Tage im Stadtpark, im Schwimmbad und mit der Familie in vollen Zügen. Und doch ist da etwas, das mich belastet.

Kann ich zurück in ein altes System?

Die Momente mit Familie und Freunden sind toll und geben mir unendlich viel Kraft aber die Momente vorm Einschlafen, nachm Aufwachen, zwischen den schönen Momenten, die Momente des Wartens in der Kassenschlange, das Sitzen im Bus, das Betrachten der Menschen um mich herum machen etwas mit mir. Sie stimmen mich nachdenklich und stellen diese eine entscheidende Frage. Kann ich überhaupt zurück in ein deutsches System mit all den Gesellschaftsnormen, mit all den Strukturen? Ich lasse diese Frage lange Zeit schon auf mich wirken und genau dazu war dieser Aufenthalt gedacht. Und auch wenn sich jede Begegnung mit meinen Lieben so unendlich richtig anfühlt, sind es im Gegenzug genau diese Momente, die sich falsch anfühlen. Es ist der ort und das drumherum, was sich falsch anfühlt. Ich bin noch nicht soweit, diese Fragen mit Jannik zu besprechen, denn er soll vor allem eins erstmal, GENIEßEN!

Und dann?

Die nächsten Tage und Wochen erleben wir viel. Wir verbringen die Zeit mit der Familie, treffen alte Freunde und reisen so gar bis nach Österreich, um alte und neue Freunde zu sehen und mit ihnene Zeit zu verbringen. Alles in allem das perfekte Ferienprogramm und ich sehe ein Glückliches Kind. Meine eigenen Fragen rücken mehr und mehr in den Hintegrrund und mein Fokus richtet sich komplett auf die Zukunfstfrage und auf Jannik. Was wäre denn, wenn wir einfach hier bleiben? Wie würde unser Leben wohl aussehen und wieviel von unserem selbstbestimmten Leben können wir uns wohl bewahren? Welchen Preis sind wir bereit dafür zu zahlen? Wer solange auf eine Reise geht, der verändert sich. Ich schau Jannik an und versuche die Antworten in ihm zu finden. Denn obwohl wir ein freies und selbstbestimmtes Leben auf unseren Reisen führen, gibt es Grenzen für uns. Grenzen, die sich durch Kultur, Religion und auch die jeweilige Sicherheit im Land ergeben. Was wäre aber wenn es diese Grenzen nicht gäbe? Was, wenn wir auch hier ein selbstbestimmtes Leben leben könnten?

Die ersten Erkenntnisse

Die Ferien neigen sich dem Ende zu, der Sommer verabschiedet sich langsam und die Frage wie es weiter geht, brennt auf den Lippen. Wir haben einen Rückflug nach Asien aber auch ein Einfach-Hier-Bleiben war von Anfang eine Option. Vielleicht einen Neustart in Deutschland? Aber alles in mir sträubt sich, ich schaue mich um, beobachte die Menschen auf den Straßen und denke zurück an Asien. Denke an die Leichtigkeit und an die Zufriedenheit der Menschen dort. Ich denke an Abenteuer und Gefahren und an Selbstverantwortung. Denke daran, wie wir unser Leben selbst gestalten. Fern von Norm und Gesellschaftsidealen und ich erkenne, all das werden wir hier nie in Deutschland können. In Asien sind wir die Ausländer, die Exoten. Niemand kümmert sich um unseren Lebensstil und niemand verurteilt es.

Und was will Jannik?

Die letzte Frage an Jannik. Wo wollen wir sein? Ich habe seinen Wunsch zu Beginn dieses Beitrags nicht klar definiert und das bewusst. Ich wollte dich mitnehmen auf unsere Reise in die Heimat und versuchen, dir ein Stück unserer Emotionen und offenen Fragen zu spiegeln. Warum? Nur so kannst du verstehen, was uns wirklich bewegt, ohne eine vorgefertigte Meinung zu haben. Vielleicht hat es den Anschein, als würden wir zurück ins System gehen aber ich erzähle dir jetzt was Janniks Wunsch war. Mein Kind wünscht sich ein selbstbestimmtes Leben in Asien. Genau dort, wo er gelernt hat, was Nächtsenliebe bedeutet, wo er fern von Bewertung und einem kontrollierendem System ist. Warum? Weil wir in den ganzen letzten Jahren eines gelernt haben. Es kommt nicht drauf an wer du bist, wieviel materiellen Reichtum du besitzt oder welche Perspektiven du dir ausmalst. Vielmehr geht es darum was du fühlst, wieviel Glück und Liebe du in dir trägst und welche Taten du sprechen lässt. Wir lernen Stück für Stück im Hier und Jetzt zu leben und unsere Chancen zu nutzen.

Ein tränenreicher Abschied in ein neues Leben

Unser Abschied aus Deutschland war hart, emotional und bereichernd. Wir haben jeden Augenblick genossen aber mit dem endenden Sommer beginnt unser Schritt in ein ganz anderes und bewussteres Leben. Ja, wir vermissen unsere Lieben und an manchen Tagen auch wirklich sehr aber vielmehr als ein Leben in Deutschland würden wir uns die Familie und Freunde nach Asien wünschen. Wir haben es lieben gelernt, mit all seinen Vor- und Nachteilen, fühlen uns mal erfüllt und mal einsam und wollen es nun unser Zuhause nennen.

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.