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Ihr Name ist Alia

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Ihr Name ist Alia

Eine Geschichte über Freiheit in anderen Kulturkreisen

Ich habe kürzlich eine Frau getroffen und es war eine dieser Begegnungen, die mich aufgewühlt haben und beschäftigen. In Absprache mit dieser Frau, nennen wir sie Alia, teile ich mit dir ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte von vielen, wie sie weltweit geschehen. Ich erzähle dir die Geschichte aus meiner Sichtweise und meinem Verständnis heraus. Vielleicht ist sie nicht ganz wertfrei, vielleicht auch nicht gut recherchiert aber ganz sicher spiegelt sie wieder was ich durch sie empfinde. Diese Frau hat mir durch ihre Not eine Situation gespiegelt, die mir vertraut war und mir klar gemacht wie viel Glück ich doch gehabt habe, andere Wege gehen zu können.

Eine nachhaltige Begegnung mit Alia

Jeden Morgen, wenn Jannik und ich unser Homestay verlassen, laufen wir einer junge Muslimin über den Weg, links und rechts ein kleines Kind an der Hand und komplett verschleiert in traditioneller Bekleidung. Ein nicht ungewöhnliches Bild in Malaysia. Aber etwas ist anders. Sie schaut uns oft noch lange nach als wollte sie noch was sagen im vorbeigehen. Dann, letzte Woche gab sie mir ihre Nummer mit den Worten, sollte ich irgendwann mal Hilfe benötigen, soll ich sie anrufen. Sie stellt ein paar Fragen über unsere Herkunft, unser Vorhaben und das Alter von Jannik. Ich nehme ihre Nummer aber plane zu diesem Zeitpunkt nicht, sie anzurufen. Wozu auch? ich bin ja nicht in Not, denke ich mir.

Ich schaue in traurige Augen

Dann, bereits drei Tage treffen wir Alia nicht mehr und ich gestehe, ich mache mir Sorgen. Ein Stück Vertrautheit ist weg. Ich rufe sie an und erzähle ihr ich bräuchte ein wenig Hilfe bei meiner nächsten Route von einer Einheimischen. Wir treffen uns und sie nimmt Jannik und mich mit zu ihr nach Hause, ein traditionelles malayisches Häuschen in einem Dorf am Rande der Kleinstadt. Man nennt die Dörfer Kampung. Ich mag es hier, die Leute kommen aus ihren Häusern, winken dem kleinen blonden Jungen an meiner Seite zu, überall ein herzliches Lächeln und ich fühle mich so sehr willkommen wie ich es noch nie gespürt habe. Alia fragt mich nach meiner Route und ich gestehe ihr offen und ehrlich dass es kein Route gibt und ich sie aus Sorge angerufen habe. Ich versuche ihren Blick zu halten, ihre Augen, das einzige, was sie mir bis zu diesem Zeitpunkt offenbart und ich sehe wie sie zu weinen beginnt. Was ist los mit ihr? Ich fühle mich schuldig. Was hab ich da jetzt los getreten? Während Jannik mit den Kindern spielt, habe ich Zeit zu verstehen.

Von Unglück und Abtreibung in Malaysia

Alia, die junge Muslimin sitzt mir gegenüber, sie wirkt zerbrechlich, erzählt mir von ihrem Traum. Sie will Anwältin werden und sie will ihre Geschwister unterstützen und ihre Augen leuchten. Und sie will einen Mann heiraten, den sie liebt. Ihr Blick fällt nach unten, erneut sehe ich Tränen. Sie erzählt mir von Thung, dem Mann, mit dem sie alt werden will. Sie erzählt mir von seinem Lächeln und seiner Art, sie zu begeistern, seiner Furchtlosigkeit und seinem Charme. Ich versuche zu hinterfragen, was stimmt hier nicht? Wenn sie von ihm spricht, hat sie dieses Leuchten in den Augen, doch am Ende des Satzes bleibt nur die Traurigkeit. Sie nimmt ihre Verschleierung ab und ich schaue das erste Mal in ihr Gesicht, sehe eine verunsicherte junge Frau, die ich genau jetzt in die Arme nehmen möchte. Plötzlich lässt sie los, sie erzählt mir alles. Von kulturellen und religiösen Unterschieden und von der Abtreibung, die sie heimlich hat machen lassen weil die beiden nicht heiraten können. Ein uneheliches Kind sagt sie, bedeutet in Malaysia eine Gefängnisstrafe und eine Heirat ist unmöglich weil Thung zum Islam konvertieren müsste. Es gibt keine Mischehen zwischen Muslime und Christen in Malaysia. Thungs Eltern sind ebenfalls gegen diese Ehe und so gleicht dieses Schicksal einer Inzinierung aus Romeo und Julia. Alias Eltern haben die Kosten für die Abtreibung getragen, nicht weil sie es so wollten sondern weil sie ihre Tochter vor der Strafe schützen wollten. Sie erzählt mir wie sehr sie ihr ungeborenes Kind vermisst und dass sie am liebsten alles ungeschehen machen würde und einfach das Land verlassen möchte, gemeinsam mit Thung. Ich fühle mich hilflos und frage mich ein weiteres Mal, was bedeutet eigentlich Freiheit und Glück?

Ich fühle mich hilflos

Ja, mir fehlen die Worte, ich möchte ihr was aufbauendes sagen, ihr eine Stütze sein, einfach irgendwas tun, damit es ihr besser geht. Aber jedes Wort könnte dem nicht genug sein. Und so bleibt mir nur die Umarmung. Die beiden kleinsten Geschwister kommen rein, sehen sie weinen und wischen ihr wie selbstverständlich die Tränen weg, küssen sie auf die Wange und fast scheint es so als wüssten sie genau worum es geht. Bei dem Anblick beginne auch ich mit den Tränen zu kämpfen. Schon lange bewundere ich den Familienzusammenhalt in den asiatischen Ländern aber das hier ist ein ganz besonderer Moment für mich, einer, den ich niemals vergessen werde. Ich kann die Situation nicht mit meinen Wertvorstellungen vergleichen. Ich komme aus einem anderen System und obgleich ich selbst seinerzeit mit dem Thema Abtreibung konfrontiert war, hatte ich eine Wahl und habe das einzig richtige für mich getan. Aber Alia hatte fast keine Wahl, sie wollte es verheimlichen aber die Übelkeit hat sie verraten und ihre Familie hat all die Ersparnisse genommen, um den Eingriff zu zahlen. Sie ist dafür nach Thailand, daher habe ich sie drei Tage nicht gesehen. Nun ist das Geld für die Universität der Geschwister weg. Sie fühlt sich zusätzlich schuldig. Ich spüre einen dicken Kloß im Hals und kann nur erahnen welch große Last sie auf sich trägt und fast möchte ich sie schütteln als sie mir von all den Verpflichtungen erzählt, die sie trotzdem hat, von den Verantwortungen für die Geschwister und dem Führen des Haushaltes neben ihrem Studium. Nein, ich kann es nicht bewerten und ich schäme mich für mein Unverständnis. Alia, die junge Muslimin steht auf, verschleiert sich wieder und bereitet das Mittagessen vor. Wo ist ihre Wut, ihre Trauer um das Ungeborene und ihr Verzweiflung hin?

Verstecken wir uns am Ende alle hinter einer Maske?

Ich sag dir wo alle ihre Emotionen hin sind. Als sie sich wieder verschleiert, verschleiert sie nicht nur ihr Gesicht, nein, sie verschleiert auch ihren Schmerz. Den Schmerz in einem System zu leben, in dem sie nicht freie Entscheidungen treffen darf. Ich weiß, wie glücklich wir uns schätzen dürfen im Westen, dass wir ein hohes Maß an Freiheit haben. Ich verabschiede mich von ihr, möchte ihr am liebsten diesen Brocken an Trauer abnehmen, einfach irgendwo unterwegs versenken und als sie mich bei der Verabschiedung in den Arm nimmt, sagt sie etwas, was mich nachhaltig beschäftigt. “Du bist eine starke Frau und ich wünsche mir, du gehst deinen Weg weiter, wohin er dich auch führen mag”. Wie kann sie nach alledem was sie ertragen muss, mich als stark bezeichnen? Am Abend beginne ich zu verstehen. Sie misst mich an ihrer Kultur, in der ich wie eine Superheldin gefeiert werde und als Alleinerziehende, die trotz des unehelichen Kindes all den Mut aufbringt und nichts verschleiert. Kurz vor dem Einschlafen schreibt sie mir eine Nachricht, dass Thung seine Eltern überzeugt hat, er konvertiert zum Islam und sie wollen nächstes Jahr nach Thailand oder Vietnam, raus aus einem Land, wo sie als Gefangene der Gesellschaftsnorm leben. Sie schreibt mir auch, wie glücklich und dankbar sie ist, dass sie uns kennen lernen durfte. Sie sagt ohne die Begegnung mit mir wäre sie jetzt nicht so stark und dass ich bei meiner Umarmung ihr etwas von meiner Stärke geschenkt hätte. Ich habe nur eine Stunde mit ihr verbracht und habe so viel Schmerz gesehen dass ich ihre Stärke, daran nicht zu zerbrechen, mehr als nur bewundere. Ich möchte ihr sagen wie sehr das alles auf sie zutrifft aber ich weiß, es ist nicht der richtige Zeitpunkt.

Alles im Leben geschieht aus einem Grund

Wir haben die Wahl was wir draus machen aber auch nur dann wenn wir in einem System leben, dass es uns gewährt. Die Vorstellung, ich hätte zum Zeitpunkt meiner unehelichen Schwangerschaft keine freie Wahl gehabt, zerreißt mir das Herz. Ich frage mich ob ich mich unter Alias Kleidung hätte verstecken können? Wo ist meine Verschleierung? Tragen wir am Ende alle nur eine Maske? Versteckt hinter Normen, Kultur und Religion? Was passiert mit uns wenn wir das Idealbild nicht erreichen? Werden wir ewig Suchende bleiben? Diese junge Muslimin hat mir soviel mehr gelehrt als sie nur erahnen mag. Ich weiß, ich werde sie wieder sehen, eines Tages wenn die Zeit gekommen ist und dann werde ich ihr sagen wie stark sie wirklich ist und wie sehr ich sie bewundere dafür, dass sie mir geholfen hat klarer zu sehen.
Danke Alia für deine Geschichte.

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.

5 Comments

  1. Liebe Stephie,
    du hast mich mit der Geschichte mitten ins Herz getroffen. Und du hast vollkommen recht, wir vergessen viel zu oft wieviel Glück wir haben in einem Land geboren zu sein, wo es diese Grenzen nicht mehr gibt. Gerade der stetige Terrorismus, die Diskriminierung der Frauen weltweit und die große Armut zeigen uns jeden Tag wie die Welt nicht funktionieren sollte. Wir verstecken uns hinter Masken und sie sind riesig. Wie sollen wir unseren Kindern Frieden lehren wenn wir es nicht mal schaffen dafür zu einzustehen. Wir zeigen mit Fingern auf Menschen, die es schlechter machen und glauben wir sind besser aber ich sag dir was, das ist eine schwache Charaktereigenschaft. Es ist Zeit, die Dinge zu ändern und zwar durch uns. Liebe, Zuversicht, Hoffnung auf eine bessere Welt sind die ersten Schritte und ich finde es so toll, dass du diese Frau nicht verurteilst obwohl sie etwas getan hat was scheinbar gegen deine Wertvorstellung ist. Du machst es richtig. Verurteilst niemanden und versuchst zu verstehen. Ich bin mir sicher, dein Sohn wird ein so toller Mann wenn er mal groß ist. Bitte schreibe mehr von solchen Begegnungen.

  2. Mir kamen die Tränen
    Auch, wenn es am Ende doch noch klappt mit ihrer großen Liebe, ist es wirklich eine wahre Geschichte. Herzzerreißend. Was muss eine “Mutter” fühlen, die ihr eigenes Kind nicht austragen darf, weil es die Religion verbietet. ..
    Du tust das richtige , gehe deinen Weg! Lass dich inspirieren und werdet glücklich, wo auch immer auf der ganzen Welt. !!
    Deine Beiträge sind wirklich immer toll, und ich lese sie nicht nur, sondern fühle es auch. Danke!

  3. Bin geflasht, habe Tränen in den Augen. Hoffe wirklich, dass die Geschichte tatsächlich ein gutes Ene nimmt, du ihr wieder begegnest und darüber erzählen wirst!

  4. Vielen Dank für diese bewegende Geschichte! Genau wegen solchen Begegnungen und Augen Öffnern darf man nie aufhören zu reisen!
    Ich hoffe sehr dass ihr euch irgendwann wiederseht <3

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