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Mit dem Zug von Peking nach Shanghai

Stephi25 comments2456 views
von Peking nach Shanghai

Von Peking nach Shanghai im Localtrain

Wer glaubt, er könne einfach so zum Bahnhof in Peking marschieren und eine Zugfahrkarte von Peking nach Shanghai kaufen, der landet im Regionalzug mit den Einheimischen und bekommt keinen Sitzplatz mehr ab. Wie wir diesen 20 Stundenzug er- und überlebt haben, möchte ich mal mit dir teilen.

Ich möchte bitte heute von Peking nach Shanghai

Etwas irritiert schaut mich die Ticketverkäuferin an den einzigen englischsprachigen Schalter von 25 an, als ich ihr mitteile, ich würde gern heute von Peking nach Shanghai fahren. Im Schnellzug ist nichts mehr frei, sie schaue mal in den Regionalzug, der würde aber 20 Stunden brauchen. Ok, sage ich. Auch belegt. In vier Tagen wäre wieder was frei. Ich überlege, die Leute hinter mir drängeln, Jannik wird ungeduldig. Ich möchte wirklich gerne nach Shanghai und das noch heute, erkläre ich ihr. Sie verkauft mir ein Ticket ohne SItzplatz, das bedeutet dann stehen für uns. Ich nehme an und vergesse zu fragen für welchen Zug und die Frage hätte ich mir auch schenken können, denn natürlich ist es für den Regionalzug. Erstaunlicherweise kostet die Fahrt für Jannik und mich immer noch umgerechnet 30 Euro.

Die besten Plätze auf den billigen Plätzen

Beim Einsteigen reihe ich mich gleich in den ersten Wagon ein, denn ich möchte nicht in einen Durchgang stehen, wo wir alle 5 Minuten Platz machen müssen, was bei 20 Stunden von Peking nach Shangai dann mindestens 600 mal ist. Die Einheimischen schauen uns an wie Außerirdische und scheinen auch Mitleid mit uns zu haben denn wer bitte tut sich freiwillig so eine lange Fahrt ohne Sitzplatz an? Ich habe noch die Worte einer Freundin im Ohr, die uns die Daumen drückt, dass wir ncht wie die Sardinen stehen müssen. Wir landen im Waschbereich vor den Toiletten mit vier anderen Einheimischen, unter anderem ein Pärchen, die Jannik gleich einen ihrer Hocker zur Verfügung stellen. Einer der anderen beiden scheint mir ein Drogenproblem zu haben, er wirkt ungepflegt, zittrig und weist Narben an Armen und Beinen auf, die mich das erwähnte schlussfolgern lassen. Wir belegen also mit 6 Leuten einen Bereich, der etwa einen halben Quadratmeter umfasst, vielleicht ein paar Zentimeter mehr. Ich schaue mich um und überlege wie Jannik hier wohl schlafen kann, aber die Antwort jetzt zu suchen, macht eh wenig Sinn, also erstmal Kräfte sammeln und die nächsten Stunden auf engstem Raum überleben. Niemand spricht hier nur ein Wort englisch und es hat sich im ganzen Zug rum gesprochen, dass hier zwei “Langnasen” ohne Sitzplatz unterwegs sind. Die Leute kommen vorbei und schießen Fotos, um später ihren Angehörigen von der skurillen Begegnung im Bummelzug von Peking nach Shanghai zu erzählen.

Wenn der Speisewagen dreimal ruft

Jannik meistert die nächsten Stunden wirklich extrem gut und ich bin wieder einmal stolz auf seine Anpassungsgabe. Man stelle sich einen wirklich aktiven 5jährigen vor, der sich die nächsten 20 Stunden quasi kaum bewegen kann. Und tatsächlich höre ich kaum Genörgel und Gequängel. Auch das ruhig sitzen scheint in dieser Situation überhaupt kein Thema zu sein. Wir vertreiben uns die Zeit mit Geschichten, ich sehe was, was du nicht siehst und dem Essen von unserem Reiseproviant. Das Highlight ist aber der Speisewagen, der alle 45 Minuten vorbei zieht, uns dazu zwingt alle zusammen zu rücken und Platz zu machen während die nette Dame ihn wieder auffüllt. Jannik hört sie immer schon von weitem, lacht fröhlich und klappt dann sofort als Kommando den Hocker für die anderen zusammen. Die Nacht naht, das Kind wird müde und noch immer habe ich keine Idee wie Jannik schlafen kann. Da wir den Waschbereich hier eh komplett blockiert haben, packe ich meinen Rucksack aufs Waschbecken und Jannik prompt obendrauf. Ich schnalle ihn mit Becken- und Brustgurt fest, so dass ein runterfallen quasi unmöglich ist. Ich bin schon ein wenig stolz auf meine Notlösung und Jannik schläft nach dem täglichen Einschlafritual prompt ein. Ich gehe währenddessen der Frage auf den Grund, ob man im Stehen schlafen kann. Die Antwort ist ganz klar NEIN. Dösen geht noch ganz gut, beim Versuch tiefer in die Entspannung einzusteigen, versagt die Muskulatur und mir knicken die Knie weg. Das bedeutet wohl die ganze Strecke von Peking nach Shanghai wach zu bleiben.

 

Was heißt bitte auf chinesisch Rücksicht nehmen?

Der Typ mit dem scheinbaren Drogenproplem macht mich zunehmend wütend. Rauchen in geschlossenen Räumen ist in China kein großes Thema und scheinbar stört sich auch niemand daran, wenn Kinder anwesend sind. Dieser Mensch raucht wirklich viel auf der Route von Peking nach Shanghai und obwohl ich ihn mehrmals mit Händen und Füßen drum bete, nicht zu rauchen, scheint es ihn nicht die Bohne zu stören. Das andere Pärchen versucht mich in meiner Bitte zu unterstützen aber auch das ist erfolglos. Hinzu kommt, dass er immer wieder von Sekundenschlaf heim gesucht wird und schon einige Brandlöcher in seiner Kleidung und Koffer verursacht hat, also eine tickende Zeitbombe ist. Den Schaffner scheint das auch nicht wirklich zu beschäftigen. Es gibt kein offizielles Rauchverbot in geschlossenen Räumen. Ich möchte ihn am liebsten ganz doll schütteln. Im Laufe der nächsten Stunden, kommen immer mal wieder Zugreisende dazu und nutzen den Bereich aus Rücksicht zu ihren Mitreisenden als Raucherbereich. Ich bin wütend und schockiert darüber wie gleichgültig es ihnen zu sein scheint, dass hier ein kleines Kind liegt und den ganzen Qualm mit einatmet, wo nicht mal ein Fenster ist. Einzig allein die Kimaanlage sorgt für etwas Erfrischung. Ich schaue mich einmal in den anderen Stehbereichen um und stelle fest, es ist überall die gleiche Situation. Ich freue mich sehr als der Typ von einen seiner Rundgänge nicht zurück kehrt und wir zumindest weniger Qualm haben.

Die längste Nacht im Bummelzug von Peking nach Shanghai

Die Nacht ist die wohl längste in meinem Leben, ich zähle Stunden, Minuten, ja so gar Sekunden und meine Kräfte sind schon ein wenig am Ende. Das andere Pärchen teilt mit mir ihre kleinen Hocker schon auf der ganzen Strecke von Peking nach Shanghai, so dass immer mal einer steht und zwei auf den Hockern dösen können. Einer der beiden anderen legt sich prompt auf den Boden während diejenigen, die die Toilette heimsuchen, einfach über ihn drüber steigen. In einer solchen Situation fehlt so gar die Kraft die Fassung zu verlieren. Die Klimaanlage über uns wird immer frischer, ich wickel Jannik in den Schlafsack ein und schaffe es tatsächlich noch eine Stunde auf dem Hocker zu schlafen und freue mich wie ein kleines Kind zu Weihnachten als ich erwache und Tageslicht wahrnehme. Zwar sind es immer noch fast drei Stunden aber es fühlt sich wie fast geschafft an.

Ni Hao Shanghai !

Wir erreichen Shanghai um 8:15 morgens und alles was Jannik einfällt als der Schnellzug an uns vorbeizieht, ist dass er jetzt unbedingt gerne noch mit dem fahren möchte und das ist sein voller Ernst. Meine Antwort darauf ist ganz klar NEIN. Erleichtert und auch ein wenig stolz eine solch schwierige Situation von Peking nach Shanghai gemeistert zu haben, besorgen wir uns erstmal eine große Portion Obst zum Frühstück und füllen die Kraftreserven wieder auf. Eigentlich wollten wir den Bus nun weiter in den Süden nehmen aber ich merke, dass wir Ruhe brauchen und Pläne müssen den Umständen angepasst werden. Wir suchen uns eine Bleibe in Shanghai und holen Schlaf und Privatsphäre nach.

Fazit der letzten 20 Stunden

Von Peking nach Shanghai geht auch anders, erst recht mit Kind. Wer also die Strecke plant, sollte mindestens 4-5 Tage vorher die Tickets besorgen und bucht sich dann den bequemen Sitz im Schnellzug oder eben bei Bedarf auch den Bummelzug, den wir hatten, aber empfehlen würde ich es nicht und ich selber bin auch nicht sonderlich scharf auf eine Wiederholung dieser Art von Peking nach Shanghai zu kommen.

 

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.

25 Comments

  1. Ein Bericht wovon man Gänsehaut bekommt mir lief es eiskalt den Rücken runter als ich las was ihr dort im Zug erleben musstet.Mein grosses Respekt geht an Euch .Und der Jannik hats gut hinbekommen sowohl auch die Mama .Ihr habt es überstanden und ich freue mich für Euch das ihr nun entspannter weiter Reisen könnt.In diesen Sinne freue ich mich schon auf Dein nächsten Bericht.Alles gute weiterhin fü Euch

  2. So spannend und wunderbar geschrieben, ich kann mich richtig hineinversetzen. Viel Glück und wunderbare Momente wünsche ich Euch und vielen Dank das du mich teilhaben lässt- so toll! Liebe Grüße, Sabine

  3. Oh Stephi, da habt ihr euch ja echt was angetan… ich finde schon so ne Reise ziemlich anstrengend, wenn man so lange im Flugzeug und auf Flughäfen verbringt… hoffe, es geht ein wenig entspannter weiter. Alles Gute!
    /Hartmut

  4. Wow, ich bewundere Euch zwei wirklich, wie ihr das durchzieht. Ich wäre wahrscheinlich in Tränen aufgelöst, total erschöpft und aggressiv. Aber wahrscheinlich hätte ich mir das von vornherein gar nicht angetan, wenn ich an frühere Marathon-Überlandfahrten in klimatisierten Bussen zurückdenke. Und da hatte ich wohlgemerkt noch kein Kind im Schlepptau und auch einen Sitzplatz … Auf den kleinen Mann kannst Du ganz besonders stolz sein. Viel Kraft weiterhin!

  5. Hi Stephanie,

    ich musste bei deinem Bericht schmunzeln. Ich bin früher in China auch oft mit diesen Zügen gefahren und ganz ehrlich: Ich vermisse, dass es sie bei all den ICEs immer seltener gibt.

    Trotzdem möchte ich zwei Punkte anführen, die mich an deinem Text etwas irritiert haben, weil sie einen falschen Eindruck erwecken.

    1. Zwischen Peking und Shanghai verkehren etwa 40 Hochgeschwindigkeitszüge und nur ein einziger Bummelzug. Ich bin seit 2008 mindestens fünf Mal zwischen Peking und Shanghai hin und her gefahren und ich bekam jedes Mal problemlos ein Ticket für den nächsten Zug. Kurz: Dass du mit einem Stehticket im Bummler gelandet bist, war extremes Pech und alles andere als der Normalfall.

    2. Das was du zum Rauchverbot geschrieben hast, ist nicht so ganz korrekt. In China ist es in JEDEM geschlossenen Raum verboten zu rauchen. Das Gesetz gibt es seit etwa fünf Jahren und wurde vor einigen Monaten sogar noch einmal verschärft. In Zügen gilt auch ein generelles Rauchverbot, auf langen Fahrten wird es jedoch am Wagenende jeweils toleriert. Du hast dich also gewissermassen ins inoffizielle Raucherabteil gesetzt… 🙂

    Ich wünsch dir noch viel Spass in China.

    Oli

    1. Hallo Olli,
      da hat mich das Pech vermutlich auf ganzer Linie verfolgt. Ich hatte jedoch im Nachhinein auch von anderen Chinareisenden gehört, dass ein Zugticket von Peking nach Shanghai oder auch Xian besser im Voraus besorgt werden sollte.was das Raucherverbot angeht, kann ich nur sagen, dass in jedem Zwischenabteil geraucht wurde und es somit egal war, wo wir unseren imaginären Sitzplatz genommen hätten. Ich empfand es als angenehmer, nicht in einem Zwischenabteil zu sein, wo ich dann alle paar Minuten hoch müsste. Nach einer späteren Erfahrung im Hochgeschwindigkeitszug weiss ich auch wie es anders geht und da wird in der Tat auf das Rauchverbot geachtet.

  6. Ich war letztes Jahr in Peking und fand es genial. Nach Shanghai habe ich es leider zeitlich nicht geschafft. Sei froh, dass ihr die Fahrt so gut überstanden habt und das Jannik so gut die Zähne zusammen beißen kann.

    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Shanghai ist verglichen mit Peking fast schon neumodisch, also eher dem westlichen angepasst. Als Chinaneuling wäre Shanghai für den Anfang wohl besser gewesen. Aber du hast recht, Peking hat was besonderes. Besonders das Traditionelle trifft man in Peking häufig.

  7. Oh Mann! Das erinnert mich an die allerersten Zugfahrten mit meinen Eltern in den Urlaub. Das liegt schon sehr lange zurück, aber eine solche 20-Stunden-Fahrt im Stehen haben wir dabei auch mal erlebt. Seitdem ist mir Zugfahren nicht mehr sehr sympathisch.

    1. Ja, ich verstehe dich total. Ich war danach auch erstmal durch mit dem Zug aber Jannik hat es so wenig gestört, dass er am nächsten tag gleich wieder los wollte. Kinder stecken manchmal echt mehr weg als man glaubt.

  8. Wow da habt ihr ja ganz schön was erlebt, erinnert mich ein wenig an unsere stundenlangen Zugfahrten in Indien, wobei wir dann meist das Glück hatten noch Sitzplätze zu kriegen, aber manchmal saßen wir auch einfach auf dem Boden, auch mit kleinen Kids. Irgendwie kriegt man es ja doch alles hin, aber man braucht es dann kein zweites Mal.

  9. Total interessante Geschickte. Toll, wie ihr beide die Situation gemeistert habt, da könnt ihr echt stolz auf euch sein. Aber solche Erlebnisse sind es, über die man noch nach vielen Jahren zusammen lachen kann.
    Liebe Grüße
    Janet

  10. Oh Mann. Was für ein Trip. Erinnert mich an so manche Zugfahrt, die ich durchs Land gemacht habe. Allerdings hatte ich immer das Glück, eine harte Liege reservieren zu können.

    Es ist super spannend, das zu lesen. Vor allem weil ich selbst 2002 durch China gereist bin. Das war noch vieles anders. Peking hatte damals nur 3 U-Bahn Linien, als ich ankam. 2 Wochen später zur Anreise waren es schon 5. Das Land entwickelt sich in einer beängstigenden Geschwindigkeit. Wahrscheinlich würde ich es heute kaum wiedererkennen….

    1. Der ist der totale Abenteurer. Selbst nach dieser langen Zugfahrt fragte er gleich nach dem nächsten Zugfahrt. Manchmal macht es mir fast ein wenig Angst wie belastbar er ist. Aber vielleicht bin ich einfach nur sensibel und empfinde es anders 😉

  11. Oha Stephi,
    da habt ihr ja ein Abenteuer hinter euch. Ich war selber dieses Jahr in China und habe eine sehr abenteuerliche zweistündige Taxifahrt und viele Sprachbarrieren erlebt. Ehrlich gesagt, war ich froh, als ich das alles “überlebt” hatte und wieder in Ländern unterwegs war, in denen Manieren, gesellschaftliche Regeln, Sprache usw. für mich zugänglicher waren. China hat mir echt eine andere Welt gezeigt. (http://cicoberlin.com/2016/04/28/pech-in-china/) Das viele Rauchen ist mir auch super unangenehm aufgefallen, Hut ab, dass du da nicht durchgedreht bist und der Kleine das alles so entspannt mitgemacht hat!

    Liebe Grüße
    Nicole

    1. Ja, ich denke nur weil ich nicht durchgedreht bin, hat mein Sohn das auch so gelassen genommen. Unruhe überträgt sich ja immer auf die Kinder. Dein Beitrag schau ich mir gleich mal an. Klingt interessant.

  12. So schnell kann eine Zugfahrt zum Erlebnis werden! Ich bin leider überhaupt kein Zug-Fan. Allerdings hatte auch ich eine Zugfahrt die im Kopf bleibt. Durch die Teeplantagen in Sri Lanka von Ella nach Kandy. Dieses Panorama werde ich nie vergessen!

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