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Geldfrei leben, der Abschlussbericht

Stephi4 comments1319 views

Drei Tage habe ich den Alltag geldfrei gestaltet und zum Mitmachen aufgerufen. Geldfrei leben, was bedeutet das eigentlich im Alltag? Wer hat mit gemacht und was hat es gebracht? Die Idee dazu entstand nicht aus dem Nichts, denn ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema. In einer konsumgesteuerten Gesellschaft muss man manchmal Zeichen setzen.

Der letzte Tag hatte viele Emotionen für mich parat. Mein Körper war erneut auf Sparflamme und nahm die unterschiedlichsten Essensgerüche wahr, die mich vorher nie reizten. Längst war die Zucchini vom Vortag verpufft und die Energie weg. Es ging nur schleppend mit dem Rad voran. Ich sah einen Mann, wie er sein Brot in den Müll warf und es machte mich dermaßen wütend, dass ich ihn am liebsten schütteln wollte. Nachdem die Wut verflogen war, machte es mich traurig und ich dachte an ein Kommentar von gestern, indem mir einmal mehr vor Augen geführt wurde, dass all die Emotionen und Erfahrungen, die mir die letzten drei Tage begegnet sind, in anderen Ländern immer noch Alltag sind und genau so ist es.

Reflektiert betrachtet, waren die drei Tage geldfrei leben im Alltag eine echte Bereicherung für mich mit einer Tonne an neuen Erkenntnissen. Drei Tage? Ha, das kann doch jeder! Einfach den Kühlschrank voll machen und gut ist. Natürlich wäre das eine Möglichkeit und es kann auch jeder so machen, aber mir ging es dabei um mehr. Ich wollte das Zusammenspiel zwischen dem Alltag, indem ich einen Job nachgehe und der Essensbeschaffung ohne Geld mal unter die Lupe nehmen, also war der Kühlschrank leer und als Reserven dienten lediglich 10 Äpfel und ein paar Sonnenblumenkerne. Foodsharing und Wildkräuter dienten mir als Grundlage.

Besonders auffallend für mich war das ständige Hungergefühl, selbst wenn ich etwas aß, war es da und ich fragte mich, was ich esse, wenn meine Mahlzeit alle ist und ob ich sie nicht viel besser in kleine Portionen einteile. Ich habe keinen Bürojob und leiste körperlich und geistig Höchstleistungen, dazu noch die täglichen 35 km mit dem Rad, was nicht dazu führt, dass ich mit wenig Kalorien auskomme. Es steht für mich außer Frage, dass die Nahrung ein Grundbedürfnis ist, also warum verbringe ich Zeit auf der Arbeit, statt mir Essen zu beschaffen? Ich hinterfrage den Sinn und das Nutzen?

Für mich stellt sich während der ganzen drei Tage die Frage, was wäre wenn wir eben keine Instrumente der Marktwirtschaft wären, keinen Job nachgehen, der uns lediglich Geld bringt, welches wir wiederum für die Essensbeschaffung einsetzen müssen und es stattdessen überall Obst- und Gemüsefelder geben würde? Würden wir dann tatsächlich genauso viel weg werfen? Würden wir nicht bewusster mit dem umgehen, was wir haben, weil wir den Prozess viel deutlicher verstehen, dass eben nicht alles nach wächst?

Ich war überwältigt von einer Vielzahl an Mails, die mich erreichten und hätte soviel Feedback gar nicht erwartet, ebenso die Teilnahme an dem Projekt fand ich super und war für mich in dem Ausmaß nicht zu erwarten. Am meisten berührt hat mich die Geschichte eines leitenden Angestellten, der sein Mittagessen in der Bahnhofsmission einnahm und das erste Mal Interesse zeigte, Menschen hinter der Fassade von schmutzig und obdachlos kennen zu lernen. Ist es denn wirklich so, dass wir weniger wert sind, wenn wir weniger haben? Gilt es in unserer Gesellschaft immer noch, dass Kleider Leute machen? Erhalte ich weniger Respekt, weil ich mir mein Essen über Foodsharing und Co besorge?

Und wenn ich in der Lage bin, mir mein Essen ohne Geld zu besorgen, Kleider über Tauschbörsen oder Umsonstläden bekommen kann, wo liegt dann noch der Sinn meiner Beschäftigung, die doch dem Anschein nach, einzig und allein den Geldverdienst zur Folge hat? Wenn ich nun eben nicht los laufe und das Geld wieder in die Wirtschaft abgebe, weil ich es nicht nötig habe? Wäre das dann der Punkt, der unsere Wirtschaft zu Fall bringen würde?

Ich habe heute morgen eine Entscheidung getroffen und mache weiter. Ich weiß nicht wie lange und ob ich es in aller Konsequenz durchziehe, aber ich möchte mehr dieser bereichernden Erfahrungen machen, mehr über meine Grundbedürfnisse erfahren und lade dich dazu ein, daran teil zu haben oder gar mitzumachen.

Ich möchte alle, die in ihrem Blog darüber geschrieben haben, dazu aufrufen im Kommentar ihren Link zu hinterlegen, um ein breites Spektrum an Meinungen zu dem Thema zu haben.

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.

4 Comments

    1. Ja, die Frage bekomme ich allzu oft. Er isst in der Kita, bekommt dort Frühstück, Mittag und genug Zwischenmahlzeiten, dass er satt wird. Und am Abend überlasse ich ihn natürlich alles, was ich noch habe, siehe meine 10 Äpfel. Jetzt am Wochenende wird es nochmal interressant, wir haben grad einen Kürbis gesponsort bekommen und schauen, was wir damit anstellen. Aber ansonsten gibt es fürihn natürlich den Notfallplan, der besagt, ich lasse ihn nicht verhungern. Auch wenn mein Geld und meine Karte für das erste verbannt sind, hat er immer noch sein Geld und er weiß sehr gut, was er mit seinen Geld alles machen kann.

  1. Hallo zusammen,
    ich möchte mal meinen Mut und Hochachtung vordir aussprechen. Ichweiß aus eigener Erfahrung wie schwer es ist,anders zu sein. Erst recht, wenn du noch ein Kind dazu hast. Viele sorgen sich oft unnötig darum, aber man muss sich ständig erklären. Ich wohne mit Mann und zwei kleinen Kindern in einem Bauwagen und lebe jeden Tag mit der Kritik, oft kam auch schon das Jugendamt und wollte, dass ich meinen Kindern einen festen Wohnsitz bieten solle. Hä? unser Wagen steht fest auf dem Boden, wird nicht bewegt und in jedem Waldkindergarten ist so ein Wagen ok. Also,liebe Steffi, du bist nicht allein mit dem Anders sein und dein Sohn wird es sehr bereichern. So wie ich es verstanden habe, bist du ja nicht fanatisch in deinen Ansichten bezgl deines Sohnes,oder? Also er macht zwar mit, aber wenn es ganz schlimm wird, kriegt er was?
    Habt einen tollen Tag
    Alice im Wunderland (entschuldige das Pseudonym, ich kann nicht anders 😉 )

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