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Wildniserfahrungen mit Kleinkind

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Oder wie sich Pläne ändern

Seitdem ich den Film “into the wild” gesehen habe, träume ich von einem Erlebnis in der Wildnis, mit der Natur im Einklang zu sein, fernab von Konsum und Verschwendung, nur den Grundbedürfnissen folgen, sie erfahren und suchen nach dem, was wirklich wichtig ist. Doch was ist das überhaupt? Wer den Film nicht kennt, es geht um einen jungen Mann, der auf sich allein gestellt in den Weiten Alaskas ums Überleben kämpft.

Raus in die Wildnis

Zugegeben, die Wildnis von Alaska mit Kleinkind ist ausgeschlossen, aber um Wildniserfahrungen mit Kleinkind zu machen, muss man gar nicht so weite Wege machen und oft reicht auch eine Nacht im Walde, um das Gefühl von Freiheit zu kosten.

Ich beschließe also, eine Woche mit meinem Sohn, Rad und Zelt, ohne Geld eine Urlaubsreise anzutreten, auf der wir nur den Moment planen. Um so unabhängig wie möglich zu sein, packe ich noch einen Wasserfilter ein und meine neu erworbene Solarzelle. Wow, was wird uns erwarten? Wildniserfahrungen mit Kleinkind bedeutet einfach auch mehr Sorgen als nur die Frage nach der Unterkunft.

Es findet nicht mehr Reiseproviant in unseren Rucksack als wir für einen Tagesausflug nutzen würden.

Wie wir unser Essen beschaffen wollen?

Ich hab noch keine Ahnung. Foodsharing ist eine Möglichkeit, das direkte Fragen eine andere. Wildkräuter können eine weitere Option sein. In jedem Fall sprechen wir von Überwindung und dem Verlassen der Komfortzone.

Wie das Experiment ausgeht, weiß ich noch nicht.

Wildniserfahrungen mit Kleinkind, das Abenteuer beginnt

Nach dem Frühstück machen wir uns gesättigt und hochmotiviert auf den Weg. 22 km später kommt das erste Hungergefühl auf und obwohl wir darüber gesprochen haben, entscheide ich mich jetzt dazu, dass Jannik sein eigenes Geld für sich nutzen darf. Er setzt es weise für ein Brötchen ohne alles ein und bekommt prompt ein Laugenbrezel gratis dazu. Ich bin sehr beeindruckt. Die erste Überwindung des Fragens fällt mir sehr schwer, weiß ich doch, dass ich nicht in Geldnot bin.

Mich künstlich in eine Notsituation zu bringen, lässt ein hohes Maß an Schamgefühl in mir keimen und trotzdem bin ich sehr berührt über die Hilfsbereitschaft der Menschen, die mich im Laufe unserer Reise unterstützen. An dieser Stelle sollte ich dennoch erwähnen, dass man nicht überall hilfsbereite Menschen trifft und nicht selten mit Vorurteilen zu kämpfen hat, gerade in Bezug auf das Kind und auch im engsten Kreis kam diese Idee nicht sonderlich gut an.

Am Abend, nach 70 km, finden wir einen tollen Platz zum Zelten an einem Waldrand, unser größter Feind in der Nacht ist die Kälte und die Angst meines Sohnes, der Jäger könne seine Arbeit bereits in der Nacht wieder aufnehmen.

Interessant an dieser Stelle ist, dass bereits ein Vierjähriger die Gefahr des Menschen größer einschätzt als die der Tiere.

Um meinen Sohn vor der Kälte zu schützen, packe ich ihn in beide Schlafsäcke, ziehe mir selbst alle Klamotten an, die ich finde und halte mich durch stetiges Zittern warm. Die gefühlte Außentemperatur liegt bei -1 Grad und der Frost an der Zeltwand am nächsten Morgen scheinen diese Vermutung nur zu bestätigen, dafür werden wir aber mit einem tollen Ausblick belohnt.

Der erste Morgen

Nachdem ich Jannik aus den Schlafsäcken pule und das Zelt mit eingefrorenen Fingern abbaue, realisiert auch er die Kälte und bekommt im Eiltempo schlechte Laune. Er braucht fast zwei Stunden, um wieder aufzutauen, ich im Übrigen auch 😉 Die Laune ist im Keller. Ich prüfe den Wetterbericht und rechne mit weiteren Frostnächten, außerdem habe ich einen leeren Magen, während ich Jannik alles verfügbare Essen gebe, und auch die Muskelkraft ist nach 2 Stunden Fahrt und extrem wenig Schlaf am Ende, eine Lösung muß her. Die Idee bereits nach einem Tag wieder aufgeben? Nein, das passt nicht zu mir, aber was ist mit meinem Sohn? Was ist der richtige Weg? Eine weitere Nacht mit der dieser Negativerfahrung in der Wildnis zelten?

Glaubt ihr an Schicksal?

In einem kleinen Dorf treffe ich einen alten Mann, der tief beeindruckt von dem schlafenden Kind, mir als Mutter und auch der Idee ist und er schenkt mir 10 Euro, einfach so, ich lehne erst ab, denn ich will kein Geld, aber er besteht darauf, weil er selbst in Urlaub fährt und uns kein Frühstück anbieten kann. Ich nehme das Geld an und entscheide mich heute noch mit dem Geld nach Osnabrück zu meiner Freundin zu kommen, um vor allem Jannik weitere Nächte unter dem Gefrierpunkt zu ersparen.

So radel ich bis nach Bremen, schließe mich dort ein paar Linksautonomen an, die wie ich nach einem Gruppenticket suchen und mir am Ende so gar eines schenken, weil sie die Idee, ohne Geldnutzung zu reisen, begeistert. Wieder einmal bin ich tief berührt von der Hilfsbereitschaft und auch Jannik erhält heute wieder Brötchen, Äpfel und ein Slush-Eis kostenlos in Bremen.

Zuhause bei Freunden

Am frühen Abend, nach 68 km und einer einstündigen Bahnfahrt, erreichen wir das Örtchen Westerkappeln in der Nähe von Osnabrück und verbringen drei Tage bei Nina und ihrer Familie. Wir erkunden die Wildnis drumherum, den Hof, füttern die Hühner, machen eine Radtour, lassen die Kinder turnen, spielen, baden und arbeiten Janniks Trauma ums Zelten mit einer abenteuerlichen Nacht im Wald und Lagerfeuer auf.

Ich freue mich wirklich sehr Nina und die kleine Mayla nach fast einem Jahr wieder zu sehen und ihren Geschichten von vergangenen Urlauben zu lauschen. Der Abschied fällt schwer, aber es muss wieder Richtung Heimat gehen und das Wetter ist heute perfekt dafür, trotz Sturmwarnung.

Die Sonne meint es wirklich gut mit uns und wir radeln an der Hase entlang einen Teil der Hase-Ems-Tour, picknicken unterwegs mit den mitgegebenen Obst und Gemüse meiner Freundin, schmeißen Steine ins Wasser, filtern unser Trinkwasser aus dem Fluß und halten an, wo immer es uns gefällt.

Ich fühle mich frei !

Erst am späten Abend zieht es uns in ein kleines Waldstück und dann muss es plötzlich ganz schnell gehen, denn es gewittert und regnet unaufhörlich.

Danke Petrus !

82 gefahrenen Kilometer heute und das ist die Belohnung dafür, ich bin müde und kaputt und wir schlafen schnell ein. Der nächste Tag beginnt mit Regen und ein Blick auf mein Smartphone verrät, es geht so weiter.

Was also tun?

Das Zelt ist nass und ein Teil der Klamotten auch, die Laune im Keller und einen Tag später wollten wir eh wegen anstehender Termine wieder zuhause sein. Wir fahren also die letzten 35 km bis nach Bremen und nehmen mit dem letzten Geld des alten Mannes und weitere zwei Euro von Janniks Geld mit vier weiteren Mitfahrern den Metronom nach Hamburg.

Fazit dieser Reise: Die Mission war ohne Geldnutzung von Hamburg nach Osnabrück und zurück zu kommen, sich künstlich in eine Notsituation zu begeben und die eigene Komfortzone zu verlassen.

Wie es sich angefühlt hat?

Zugegeben, ich habe mich nicht durchweg gut gefühlt, aber das habe ich auch nicht erwartet. Mein größter Gegner war die Scham, Hilfe einzufordern, wo ich doch sonst so selbstbestimmt bin und lieber alle Dinge alleine bewältige und vielleicht hätte ich das auch zu einer anderen Jahreszeit gemacht, wo mir die Natur mehr bietet als ein paar Wildkräuter.

Mein Vorhaben musste ich immer den Gegebenheiten anpassen und dabei steht mein Sohn an erster Stelle und er verdient eine Kompromisslösung, wenn es um Ängste oder Gesundheit geht, denn Reisen mit Kind bedeutet eben auch manchmal die Pläne zu ändern.

Geld habe ich für diese Reise nicht benötigt, verhungert sind wir nicht und krank geworden sind wir auch nicht.

Ob es mich bereichert hat?

Ja, und wie. Auch wenn es nur eine Woche war, habe ich wieder einmal wahnsinnig viel gelernt und möchte keine der gemachten Bekanntschaften von unterwegs missen, besonders berührt hat mich dabei der alte Mann, der mir seine Bewunderung  und die 10 Euro schenkte. Ich werde ein ähnliches Vorhaben sicher wiederholen und dabei auf wärmere Nächte hoffen.

Stephi
Alleinerziehend.Reisesüchtig.Freiheitsliebend.Alternativ.

6 Comments

  1. wiedermal sehr intressant die Reise vorallen die Erfahrung die man sammeln konnte .Ich persönlich könnte es nicht .Was ich sehr schön finde daß dein Sohn wie ich es auf den Bildern sehe viel Spass hatte trotz des schlechten Wetters.Hab dank für deine schönen Geschichten die du mit uns und die Welt teilst.

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